Böse Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit lässt sich mit sehr, sehr bösen Dingen kombinieren.

Liegt es an der Monumentalität der globalen Probleme, dass es in geradezu in Mode zu kommen scheint, Hitler und den Holocaust mit aktuellen Nachhaltigkeitsfragen zusammenzuspannen? In Timur Vermes’ Erfolgsroman «Er ist wieder da» sind es ausgerechnet die Grünen, denen die Sympathien des wiederauferstandenen Führers gelten. «Der Endkampf um die knappen Ressourcen der Erde würde kommen», lässt Vermes seinen Hitler räsonieren, «deutlich später, als ich ihn prophezeit hatte, aber er würde kommen.» Ernster und diskussionswürdiger: Timothy Snyder zieht in seinem neuen Buch «Black Earth» eine gerade Linie zwischen Hitlers Terrorregime und dem, was der Klimawandel für uns bedeuten könnte. Es geht um Nazis und Nachhaltigkeit. Wie gesagt: ernster und diskussionswürdiger. Aber nicht ganz neu: Carl Amery hat das Thema schon 1998 auf lesenswerte Weise bearbeitet. Spuren dieses Thema kann man freilich noch früher finden. Sehen Sie selbst.

Die Wachstumsfrage ist, das wissen wir, von zentraler Bedeutung für eine nachhaltige Entwicklung. Ein sehr bekannter Ökonom berührt in einem seiner Werke diese Frage und kritisiert das „ökonomische Zeitalter“, dessen Wesen darin liege, dass „in ihm die Wirtschaft, die wirtschaftlichen und damit im Zusammenhange die sogenannten ‚materiellen‘ Belange eine Vor­herr­schaft vor allen übrigen Werten beansprucht und erobert haben, und daß damit die Eigenart der Wirtschaft allen übrigen Bereichen der Gesell­schaft und der Kultur ihr Gepräge aufgedrückt hat.“ Der Autor prä­sentiert Zahlen über Bevölkerungszunahme und Vermögenswachstum. Die Rhe­torik eines mit Der Turmbau zu Babel überschriebenen Kapitels ist eine wachstumskritische: Die Implikationen von Bevölkerungs- und Wirt­schaftswachstum werden negativ bewertet.

Weiter heißt es: „Wir sind ‚zu reich‘“ – und zwar in quantitativer und qualitativer Hinsicht. Viele Güter seien ökonomisch, „hygienisch-ästhe­tisch“ und ethisch zu beanstanden, zu kompliziert und zu teuer („weil sie unter unnatürlichen Bedingungen erzeugt werden; Blumen im Winter! Gänse im Frühling! Kirschen im Mai!“). Aus dieser Einschätzung ergibt sich eine Position, deren konzeptionelle Nähe zur Debatte über nach­hal­tigen Konsum offensichtlich ist: „Daß unser Verzehr nach Menge und Art eine gründliche Umgestaltung erfahren, daß vor allem viel Zivili­sa­tionsschutt weggeräumt werden muß, steht für uns außer Zweifel.“

Das Ende des Wachstums ist erstes Ziel der vom Autor entworfenen Wirtschaftspolitik: „Das unmittelbare Ziel jeder vernünftigen Wirt­schaftspolitik muß sein: der Produktion Nachhaltigkeit und Stetigkeit zu verleihen. Auf ‚Fortschritte‘, wie sie das ökonomische Zeitalter kenn­zeichnen und dem Wesen des Kapitalismus entsprechen, der von einer ständigen Revolutionierung des Produktions- und Absatzprozesses sein Dasein fristet, verzichten wir“, so der Ökonom. Für Deutschland gelte: „Alles in allem: wir sind nun auch reif für eine stationäre Wirtschaft und schicken die ‚dynamische‘ Wirtschaft des Kapitalismus dahin, woher sie gekommen ist: zum Teufel“. Anzustreben sei ein konstantes Investitions­volumen: „Gelingt es, das Investitionsvolumen in eine stetige Linie zu zwingen, so kann sich auch der volkswirtschaftliche Kreislauf ungestört vollziehen“. Die von ihm angeregten Umgestaltungen, und hier weicht der Autor ein wenig vom Mainstream des Nachhaltigkeitsdiskurses ab, seien letzt­lich nur durch staatlichen Zwang zu erreichen, denn „Beispiel und Bera­tung werden wohl niemals genügen, um die niederen Instinkte der Masse zu bändigen: diese wird letzten Endes doch zum Guten gezwungen wer­den müssen“.

Wenn Sie sich schon mal mit Nachhaltigkeit befasst haben, kommt Ihnen das alles vielleicht bekannt vor. Klingt nach ökologisch-öko­nomischer Wachstumskritik, nicht wahr?

Falsch. Sämtliche Zitate stam­men aus einem Buch, das 1934 (!) in Deutschland (!!) unter dem Titel Deutscher Sozialismus (!!!) erschienen ist. Die Sätze, die so gut zur wachstumskritischen Richtung der Nachhaltigkeitsforschung zu passen scheinen, stammen aus einem Werk, das nach den Worten seines Autors in folgendem Geist geschrieben wurde: „Alles für Deutschland!“ Der Autor ist der deutsche Ökonom Werner Sombart, dem wir großartige Werke über Kapitalismus und Verschwendung ver­danken, aber eben auch den zitierten, wie Bertram Schefold es einmal genannt hat, „höchst unglücklichen Versuch“ einer programmatischen Schrift.

Dass die Sache nach aktueller Nachhaltigkeitsliteratur und Ökologischer Ökonomik klingt, hat überhaupt gar nichts mit aktuellen Vertretern dieser Denkrichtung zu tun. Diese Kollegen werden nicht bei Sombart abge­schrieben haben; und gewiss teilt kein relevanter ökologisch orientierter Ökonom die politischen Ziele, die Sombart mit seinem Deutschen Sozia­lismus im Auge hatte. Was soll also der Hinweis auf Sombart? Nun, die­ses: Es zeigt sich, dass das Bekenntnis zur Nachhaltigkeit in einem un­guten, sehr unguten Kontext stehen kann. Und es wird deutlich, wie sehr politisch man Nachhaltigkeit auf- und anzufassen hat, wenn Gutes be­wirkt werden soll. Womit wir wieder bei Carl Amery, Timothy Snyder und dem Hier und Heute wären.

(Überarbeitete Fassung eines Textes, dessen Ur-Fassung aus der ersten Auflage von Die Zukunft des Wachstums stammt.)