Flygskam!

Scham, Schuld und Schlechtfühlen sind gerade sehr in, wenn es um Nachhaltigkeit geht. “Flugscham” als aktueller schwedischer Exportschlager kommt da gerade recht. An dieser Stelle wurde Anfang 2016 unter der Überschrift “Freier am Flughafen” ein Text veröffentlicht, den ich aus diesem Anlass mit minimalsten Änderungen wiederverwerte:

 

In der Mad Men-Folge For Immediate Release kommt es zu einer unangenehmen Begegnung. Pete Campbell begegnet seinem Schwiegervater Tom Vogel – im Bordell. Beide grüßen sich kurz und man weiß nicht, für wen das peinlicher ist (wahrscheinlich für Pete). Nein, selbst in den 1960er Jahren wollte man nicht im Bordell erwischt werden. Freier war man besser anonym. Wie immer gibt uns Mad Men auch hier etwas, mit dem wir über die Gegenwart nachdenken können. Damit kommen wir zum Flugverkehr.

Denn Flughäfen sind, was die Dimension „Peinlichkeit“ angeht, zumindest für manche von uns die Bordelle des 21. Jahrhunderts. Gewiss, das gilt nicht, wenn Sie eine ganz normale Geschäftsfrau sind oder ein Geschäftsmann, der nun mal beruflich viel fliegen muss. Aber wenn Sie im Nachhaltigkeitsbusiness sind, ist ein zufälliges Treffen mit Kollegen beim Check-in, im Flugzeug oder bei der Gepäcksausgabe ein massives Reputationsrisiko. Wenn Sie bei Greenpeace aktiv sind, wenn Sie Nachhaltigkeitsbeauftragte einer Hochschule sind, ja sogar, wenn Sie als Nachhaltigkeitsmanager eines Unternehmens arbeiten: Es ist einfach hochnotpeinlich, sich beim Fliegen erwischen zu lassen.

Und erwischt fühlen müssen Sie sich, denn schließlich ist Fliegen so ungefähr das Schlimmste, was Sie der Nachhaltigkeit antun können. „Freier am Flughafen“ bezieht sich also nicht auf die Freiheit, die über den Wolken wohl grenzenlos sein muss. Nein: Nachhaltigkeitsbewusste Menschen am Flughafen sind wie Priester in einem Puff. Wir zahlen, nehmen eine Dienstleistung entgegen – und hoffen inständig, nicht gesehen zu werden, wenn wir den Ort der Handlung verlassen. Wenn ein Manager im New York der sechziger Jahre das Bordell verlässt, wünscht er, nicht gesehen zu werden. Wenn eine Nachhaltigkeitsaktivistin der 2010er Jahre das Flughafengebäude verlässt, wünscht sie ebenfalls, nicht gesehen zu werden. Alle (naja: fast alle) tun „es“ – aber am Ende will es wieder niemand gewesen sein.